Selbständige Kinder

Die Kinder in Deutschland lernen schon früh, selbstständig zu sein. In Deutschland sieht man jeden Morgen Kinder mit bunten Schultaschen, die allein oder in kleinen Gruppen zur Schule gehen. Sie überqueren Straßen selbstständig, warten an der Ampel oder benutzen den Zebrastreifen. Für viele Menschen aus Afghanistan ist das ein ungewohnter Anblick, dort wäre es kaum denkbar, dass ein Kind ohne Begleitung zur Schule geht.

 

Der Unterschied liegt vor allem auf Vertrauen und Sicherheit. In Deutschland gibt es klare Verkehrsregeln, sichere Wege und auch Programme wie Schulweghelfer, die Kinder auf dem Weg zur Schule unterstützen. Autofahrer achten auf die Kinder, andere Verkehrsteilnehmer reagieren rücksichtsvoll, und die Kinder lernen schon früh, wie sie sich sicher im Straßenverkehr bewegen. Eltern vertrauen darauf, dass ihre Kinder unversehrt ankommen, und die Kinder sind stolz, diesen Weg selbstständig zu meistern. 

In Afghanistan dagegen ist die Lage ganz anders. Viele Straßen sind chaotisch, es fehlen Ampeln oder Zebrastreifen, und Autos wie Motorräder fahren ohne klare Regeln. Fußgänger müssen sich mitten durch den Verkehr bewegen. Dazu kommt, dass in manchen Regionen immer noch Unsicherheit herrscht. In den vergangenen Jahren kam es sogar zu Fällen von Kindesentführungen auf dem Schulweg, bei denen Kriminelle Lösegeld verlangten. Aus Angst vor Gewalt, Diebstahl oder Entführung schicken viele Eltern ihre Kinder nicht allein auf die Straße. Oft begleiten Mutter, Vater oder ältere Geschwister sie, wenn überhaupt jemand Zeit dafür hat.

 

Die deutsche Praxis hat viele Vorteile. Kinder lernen schon in jungen Jahren Selbstständigkeit und Verantwortungsgefühl. Sie entwickeln Mut, Selbstvertrauen und Orientierung im Alltag. Eine Mutter erzählte: »Am Anfang hatte ich Angst, meine Tochter allein gehen zu lassen. Aber heute sehe ich, wie stolz sie ist, selbst den Weg zur Schule zu schaffen.«

 

Für Migrantenfamilien ist das oft eine neue Erfahrung. Viele brauchen Zeit, um Vertrauen zu fassen. Doch wer sieht, dass das deutsche System funktioniert, erkennt auch die Chancen für die eigene Familie. Denn Kinder, die früh Selbstständigkeit lernen, können später im Jugend- und Erwachsenenalter besser auf eigenen Beinen stehen und sind weniger von ihren Eltern abhängig.

 

Das Beispiel des Schulwegs zeigt, dass in Afghanistan, wo Unsicherheit, Angst und starke Abhängigkeit vorherrschen, die Kinder oft begleitet werden müssen. In Deutschland bieten klare Regeln, Sicherheit und Vertrauen in die Gemeinschaft sowie die Unterstützung durch den Staat ein ganz anderes Umfeld. Für Migrantinnen und Migranten ist dies eine Einladung, ihre Kinder mutiger aufwachsen zu lassen und zu lernen, dass Freiheit und Verantwortung Hand in Hand gehen können. Dieses System stärkt nicht nur das Sicherheitsgefühl, sondern wirkt sich auch positiv auf die Integration und das Vertrauen der Familien in ihr neues Umfeld aus. 

 

Hedayatullah Zyarmal 

Bruchhausen-Vilsen im September 2025