Ein Unterschied, der viel über Kultur verrät: Wer in Deutschland spazieren geht, sieht sie überall: Menschen mit Hunden. Morgens im Park, nachmittags auf dem Marktplatz oder sogar im Zug, gehören Hunde hier zum Alltag. Für viele Deutsche ist der Hund nicht nur ein Tier, sondern ein treuer Begleiter, fast ein Familienmitglied. Er ist ein Freund, Zuhörer, manchmal sogar Teil der Therapie oder Hilfe im Alltag.
Diese enge Beziehung zu Tieren hat tiefe kulturelle Wurzeln. In Deutschland wird Tierliebe schon in der Kindheit vermittelt: Kinder lernen, Tiere zu respektieren, sie richtig zu pflegen und Verantwortung zu übernehmen. Der Hund ist oft das erste «Projekt» für Selbstständigkeit und Fürsorge. Auch das deutsche Recht spiegelt diesen Respekt wider, Tierschutz ist sogar im Grundgesetz verankert. Tierquälerei wird streng bestraft, und es gibt klare Regeln, wie Hunde gehalten und behandelt werden müssen.
In Afghanistan hingegen ist das Bild ganz anders. Hunde gelten dort traditionell eher als Wachtiere, sie schützen Haus und Hof, aber selten sind sie Teil der Familie. Viele Menschen haben Angst vor Hunden, weil sie auf den Straßen oft ohne Besitzer leben und Krankheiten übertragen können. Das liegt weniger an der Kultur selbst, sondern an fehlenden Strukturen: Es gibt kaum Tierärzte, keine organisierten Tierheime und nur wenig Aufklärung über artgerechte Haltung. Für viele Afghaninnen und Afghanen ist daher schwer vorstellbar, dass jemand mit einem Hund im Café sitzt oder ihn im Auto mitnimmt.
Doch in Deutschland zeigt sich durch den Umgang mit Hunden eine tiefergehende gesellschaftliche Haltung: Vertrauen, Verantwortung und Respekt gegenüber allem Lebendigen. Wer einen Hund hat, übernimmt eine tägliche Pflicht, Gassi gehen bei Regen oder Schnee, Pflege, Training, Tierarztkosten. Diese Verantwortung schafft Bindung, Empathie und soziale Kontakte. Viele ältere Menschen sagen, dass ihr Hund ihnen Struktur und Freude gibt, ein Grund, morgens aufzustehen.
Auch für Migrantinnen und Migranten ist das oft eine neue Erfahrung. Manche, die am Anfang Angst hatten, lernen mit der Zeit, Hunde zu verstehen und zu akzeptieren. Kinder von Familien mit Migrationshintergrund wünschen sich manchmal selbst ein Haustier, weil sie sehen, wie wichtig es für Freundschaft und Verantwortung sein kann.
Ein Beispiel: In vielen deutschen Städten gibt es Gruppen, in denen Freiwillige Hunde aus Tierheimen spazieren führen, auch Migrantinnen und Migranten können daran teilnehmen. Das ist nicht nur eine Gelegenheit, Kontakt mit Tieren zu bekommen, sondern auch Menschen kennenzulernen, Deutsch zu üben und Teil einer Gemeinschaft zu werden. So zeigt der Umgang mit Hunden in Deutschland mehr als nur Tierliebe. Er ist ein Spiegel gesellschaftlicher Werte: Achtung vor dem Leben, Verantwortung füreinander und Vertrauen in die Regeln des Zusammenlebens. Für Menschen aus Afghanistan ist das manchmal ungewohnt, aber auch eine Einladung, neue Formen von Nähe, Mitgefühl und gemeinsamer Verantwortung kennenzulernen.
Hedayatullah Zyarmal
Bruchhausen-Vilsen Oktober 2025
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